?

Log in

11 December 2011 @ 08:50 pm
Sex unter älteren Menschen kann seine peinlichen Momente und komischen Längen haben, ist aber auch von einer Zärtlichkeit geprägt, die den Jungen oft abgeht. Die Brüste mögen hängen, der Schwanz mag welken, aber Haut ist immer noch Haut, und wenn jemand, den du gern hast, die Hand nach dir ausstreckt, dich streichelt, in die Arme nimmt oder auf den Mund küsst, schmilzt du noch immer so dahin wie damals, als du dir eingebildet hast, du würdest ewig leben.
 
 
11 December 2011 @ 04:51 pm
Ich stehe auf und gehe aufs Klo. Flo kuckt mir hinterher und imitiert beidhändig und geräuschvoll annerkenende Pistolenschüsse gen Himmel. Das macht er jedes Mal, wenn ich nackt oder in Unterwäsche vor ihm rumlaufe.
[...]
Was Flo unter anderem zum coolsten Typen der Welt macht ist, dass er eine enorme Leidenschaft für Gossip und Mistfernsehen hat.
[...]
Auf Flos Bauch balancieren fünf Dessertschüsseln voller M&Ms. Farblich sortiert. Seit er gehört hat, dass irgendein Rockstar sich backstage die M&Ms sortieren lässt, weil er nur die gelben mag, macht Flo das auch so. Natürlich liebt er die roten und braunen und grünen und blauen nicht weniger als die gelben, also werden sie einfach nacheinander gegessen.
 
 
13 October 2011 @ 03:19 pm
Und dann spricht er es aus, mitten auf dem Hügel. Und von allen Worten, die ich versteckt, gerettet und wie einen Schatz gehütet habe, sind es diese, die ich niemals vergessen werde, sie sind die wichtigsten von alle.
"Ich liebe dich."
Ein Blitz. Einmal eingeschlagen, gezackt und gleißend, vom Himmel zur Erde, gibt es kein Zurück mehr.


(Seite 343)
 
 
29 September 2011 @ 12:17 pm
'Je weiter und länger wir einen Weg gehen, umso schwerer und konsequenzreicher wird der Rückweg. Es gibt immer den Punkt, an dem wir Nein! rufen und das Weiterlaufen verweigern können. Wenn wir den verpassen, wird jeder spätere Moment komplizierter und bringt uns in den Erklärungsnotstand, weshalb wir nicht schon früher... Und irgendwann wagen wir es einfach nicht mehr. Wir sind so weit gegangen, dass die Umkehr unmöglich geworden ist. Zumindest eine, die noch einigermaßen ehrenvoll für uns wäre. Und dann beißen wir die Zähne zusammen und marschieren weiter, laut pfeifend und trällernd und mit viel Beschäftigung nebenher, um nur die Stimme unseres Gewissens nicht hören zu müssen.'

'Gedanken brechen plötzlich ab, fliegen davon, verlieren sich irgendwo, werden nicht zu Ende geführt. Beim Schreiben aber gibt es keine Ausflüchte. Schreiben zwingt zur Konzentration und dazu, auch das Unsagbare präzise zu formulieren. Man lässt keine halben Sätze stehen. Man vollendet sie, auch wenn sich das Gehirn krümmt und windet und die Finger die Tastatur am liebsten nicht berühren würde. Man möchte davon laufen, aber man schreibt.'

Charlotte Link - Das andere Kind


 
 
06 September 2011 @ 01:57 pm
Ich trete ans Fenster, gerade noch rechtzeitig, um Diannes in graubraunen Stoff gekleidete Gestalt zwischen ein paar Bäumen verschwinden zu sehen. Es sind dieselben Bäume, in deren Stamm ich vor Jahre, nachdem Kyle uns verlassen hatte und Dianne von ihrer Suche nach einem Pfeil zurückgekehrt war, tiefe zornige Einschnitte entdeckt hatte, wo die Rinde aus ihnen herausgehackt worden war. Damals sammelte ich im Garten weiches Moos und stopfte die größten Löcher notdürftig damit aus, wie Wunden, die es zu verbinden galt.
 
 
 
Schon mit acht Jahren schlief sie so ein, die eine Hand gegen die andere gedrückt, und stellte sich vor, sie hielte den Mann, den sie liebte, den Mann ihres Lebens. Wenn sie also Tomas' Hand im Schlaf so hartnäckig festhielt, kann man das gut verstehen: von Kindheit an hatte sie sich darauf vorbereitet, hatte es eingeübt.
 
 
Und ich schaute von nun an auf die roten Wimpel und mir fiel nichts ein, was wir hätten besprechen können, vielleicht war diese Ahnungslosigkeit voneinander, diese Neugier auf den anderen bis zu dem Moment eben auch das Einzige gewesen, das uns verbunden hatte. [...] Vielleicht hatten wir uns bis zu diesem Moment so wunderbar verstanden, weil alles unklar gewesen war. Und jetzt hatte jemand die Scheibenwischer eingeschaltet und die Lage geklärt. Wir saßen da, wortlos, und ich zählte gerade die Wimpel der Markise als er sagte: "Aber weißt du, warum wir uns weiterhin treffen müssen? Weil wir uns noch in ein paar Jahren kennen werden und ich mich jetzt schon darauf freue. Du kannst nie wissen, was dann sein wird, aber du kannst versuchen, die Menschen zu behalten."
(38)




Und während sie nachdachte, eigentlich völlig zufrieden, sagte er plötzlich in die Stille hinein: "Mach dir keine Sorgen. Das muss so sein. Dass man sich manchmal nichts zu sagen hat." Sie schaute ihn verwundert, aber er blickte auf die Straße und redete weiter: "Das passiert oft bei Menschen, bei denen man nervös ist, weil man Angst hat, dass es schiefgeht. Weil man immer denkt, man könnte zu viel oder zu wenig sein. Das sind die Menschen, an die man sich immer erinnern wird, die man nicht loslassen kann und die einen nicht gehen lassen."
(52)




Mit den Jahren ist alles anders geworden, und ich wünsche mir eine Angst von früher zurück, irgendeine, die vor dem Dunkel zum Beispiel. Es gab so einfache Lösungen damals. Für die Angst vor dem Sprung und für das Unbehagen vor dem ersten Schultag. Da war immer jemand, der wusste, was zu tun war, damit es aufhört. Die Ängste von früher waren so, dass man Lieder singen konnte, damit sie kleiner wurden. Das hat tatsächlich funktioniert und ihr Verschwinden merkte man kaum.
Die Angst von heute sieht anders aus als früher, sie ist älter geworden, etwas konfuser und aus der Form geraten. Sie klingelt nicht, sie kündigt sich nicht an, sie ist einfach da und lässt sich nicht wegsingen. Ich kann dir nicht sagen, dass sie da sitzt, denn du würdest an den Rand fahren und meinen Kopf in deine Hände nehmen, wo vorher noch das Lenkrad war. Wahrscheinlich wäre dann alls wieder gut, aber ich möchte dich nicht brauchen müssen, nicht jetzt schon. Du würdest deinen Arm um meine Schulter legen und mich hin und her wiegen und mit ruhiger Stimme sprechen, und ich würde mich für verrückt halten und nach ein paar Minuten sagen, es sei wieder okay. Vielleicht würdest du aus dem Fußraum eine alte Zeitung fischen und beginnen mir vorzulesen, kein großes Tamtam, nur meinen Blick umklammert halten, einen neuen Fokus suchen, damit ich mich konzentriere. Den Rest der Fahrt würde ich mich einfach nicht mehr umdrehen.
Wenn ich dir nicht sage, dass sie da sitzt, die Angst, dann gibt es keinen Grund anzuhalten. Du fährst uns ans Meer und alles wird gut. Ich setze mich auf meine Hände und halte es aus, ich bin alt genug, und du kurbelst das Fenster herunter. Dich anzusehen und schon in diesem Moment zu merken, wie du mich veränderst, wie du dich mit jedem Kilometer in diesem Auto unentbehrlicher machst. Es ist so, es ist schwierig, dich nicht permanent an der Hand halten zu wollen.
Also schiebe ich die Finger unter meine Oberschenkel und verhalte mich ruhig. Es stimmt nicht, dass die Angst verblasst mit der Zeit. Sie hat es sich einfach nur bequem gemacht, und ich bemühe mich, sie zu übersehen. Das dürfte so schwierig nicht sein, sie ist ja nichts Neues.

(54)

 
 
29 April 2011 @ 03:31 pm

Ich wünsche jedem, dass er diese Worte niemals hören muss. Deine Mutter ist gestorben.

Diese Worte sind anders als andere. Sie sind zu groß, sie passen nicht ins Ohr. Sie gehören einer fremden, dunklen, gewaltigen Sprache an, die an den Kopf hämmert wie eine Abrissbirne, wieder und wieder, bis sie ein großes Loch geschlagen haben, durch das die Worte ins Hirn eindringen können.

Und wenn sie da angelangt sind, reißen sie einen in Stücke.

Taschenbuchausgabe, S. 208f.

 
 
13 April 2011 @ 08:41 pm
"Ich möchte Dad sagen, wie viel Angst ich habe, aber reden ist wie aus einem Ölfass klettern. Meine Worte kommen aus einem dunklen, glitschigen Gefäß.
"Lass mich nicht los."
"Ich halte dich."
"Ich falle."
"Ich bin hier. Ich halte dich."
Aber sein Blick ist verängstigt und sein Gesicht so schlaff, als wäre er hundert Jahre alt.


"Ich liebe dich"; flüstert er aufgebracht in meinen Nacken.
"Es tut mehr weh als irgend sonst was je zuvor, aber so ist es nun mal. Also wag es ja nicht, das Gegenteil zu behaupten.
Mach das nie wieder!"
Ich stemme meine Handfläche gegen sein Gesiucht, und er drückt dagegen. Mir wird klar, dass er einsam ist.
 
 
"Ich schätze mal, so ist Abschiednehmen immer - wie der Sprung von einer Klippe. Das Schlimmste ist, sich dazu durchzuringen. Sobald man in der Luft ist, kann man nichts weiter tun als loslassen."